Der Abenteuerroman „Mein Dschinn“ ist anders und trotzdem sehr zu empfehlen. Als Lehrperson fallen einem bereits beim ersten Lesen viele Themen auf, welche man in der Klasse aufgreifen, diskutieren und vertiefen kann.
Die Geschichte wird erzählt vom elfjährigen Lars. Eine Reihe von tragischen Ereignissen führen dazu, dass er im Knabenheim landet. Dort hat er Mühe, sich den Regeln des neuen Gruppenleiters anzupassen. Er beschliesst daher zu flüchten und sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Mutter zu machen. Mit ihren Briefen im Hosensack und guter Hoffnung, dass sich in schwierigen Situationen schon noch alles zum Guten wenden wird, macht er sich auf den Weg. Bereits nach kurzer Zeit ist er völlig durchnässt. Zum Glück hält Kol mit seinem Lieferwagen an. Kol ist gross, trägt einen schwarzen, bodenlangen Mantel und sieht Lars’ verstorbenem Grossvater zum Verwechseln ähnlich. Was er in den kommenden Stunden mit Kol erlebt, lässt Lars vermuten, dass dieser einer der Dschinns ist, von denen Aarian, der iranische Freund seiner Mutter, ihm erzählt hatte. Fast wie durch Zauberhand reist Lars auf seiner Suche um die halbe Welt bis nach Indien. Unterwegs wird er konfrontiert mit Roma-Kindern, dem Kampf ums Überleben, Hoffnung, Enttäuschung, Drogen, Machtmissbrauch aber auch mit seiner ersten Liebe.
Ich hatte das Buch schnell gelesen, aber es hat mich lange beschäftigt. Einerseits ist es in einfachen Worten und Sätzen geschrieben. Mittelstufenkinder können es selbstständig lesen und verstehen. Besondere Worte wie zum Beispiel Katakombe werden geschickt in die Geschichte verpackt und erklärt. Andererseits regt Lars’ Suche zum Nachdenken an. Das Buch bietet sehr viel mehr als nur Lesevergnügen.
Besonders die unterschiedlichen Formen von Machtmissbrauch, welche den Lesern im laufe von Lars’ Reise begegnen bieten sich für vertiefte Diskussionen an. Welchen Formen von Machtmissbrauch begegne ich in meinem Alltag? Welche Strategien gibt es, damit umzugehen? Welche Eigendynamiken entwickeln sich diesbezüglich in fast allen grösseren Gruppen von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen? Wie entscheide ich mich, wenn meine Moralvorstellung gegen eine Handlung spricht, welche von einer Gruppe gefordert wird?
Der Drogenhandel, das kriminelle Spiel mit den Abhängigen, das Leben an der Seite eines Süchtigen, wird auf einfache, der Zielgruppe gerechten Art beschrieben. Ohne den Mahnfinger zu erheben, bringt das Buch ganz nebenbei die Gefühle und Erlebnisse der Angehörigen von Süchtigen ein. Eine gute Vorlage um sich in der Klasse mit dem Thema Sucht auseinanderzusetzen.
Lukas Hartmann ist mit „Mein Dschinn“ ein Buch gelungen, welches ich allen möglichen Menschen ans Herz legen kann: jungen Leserinnen und Lesern, Erwachsene, Junggebliebene, Lehrpersonen, Vorleser, Träumern ebenso wie den Realisten.
